Der Wutstuhl
Eine neue Trainingsgruppe geht los. Geplant ist eine Schatzsuche, bei der die Kinder gemeinsam lernen, sich gegenseitig zu helfen und den Schatz am Ende zu teilen. Ein acht Jahre alter Junge hat keine Lust auf die “Scheiß-Psychotherapie” und verleiht seiner Ablehnung noch mehr Nachdruck, indem er aus dem Sitzkreis abhaut und sich auf einen Stuhl in der Zimmerecke setzt. “Puh”, sag ich, “da bin ich aber froh, dass ich nicht die einzige bin, die keine Lust hat”. Schon guckt er irritiert. Bei mir kommen solche Aussagen authentisch rüber. Als ich den Jungen darauf hinweise, dass er gerade auf dem Wutstuhl sitzt , und ob er überhaupt wütend genug sei, um drauf sitzen zu dürfen (spontan von mir ausgedacht, genial nicht wahr!), antwortet er mit “red nicht mit mir, Arschloch”. “Großartig”, lobe ich.
Die anderen Kinder sitzen derweil im Stuhlkreis und stellen sich mit ihren Namen vor, wobei jedes Kind zu seinem Namen das Geräusch seines Lieblingstiers imitiert. Wir hören Wölfe (hauhauhau), Elefanten (töröööö), Hunde (wuffwuff), und als wir den Jungen fragen, ob er mitmachen wolle, erwidert er: “Nö, ich hab kein Lieblingstier”.
“Wie, du hast kein Lieblingstier”, sage ich, “das geht nicht. Du kannst doch nicht kein Lieblingstier haben! Kann eines von euch Kindern ihm eines abgeben?” Das Mädchen bietet eine “ins Gesicht pinkelnde Ameise”. Ein ausgezeichneter Vorschlag! Als wir alle gemeinsam überlegen, welches Geräusch eine ins Gesicht pinkelnde Ameise wohl macht, gibt der Junge kleinlaut zu, er habe gelogen und sehr wohl ein Lieblingstier.
Wir warten gespannt. Was wird es sein? Ein Pfeilgiftfrosch? Ein T-Rex? Ein Raptor? Ein Jaguar? Godzilla?
“Ein Vogel. Piep piep”.
So schnell kann man das Sitzrecht für den Wutstuhl verwirken.
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