Wie es geht, wenn nichts mehr geht: ein Spendenaufruf
Soziale Netzwerke erhöhen für den einzelnen den Druck, sich anzupassen. Da hat jemand ein neues Bild von sich und dem Eiffelturm hochgeladen, kein einziges „like“ nach 10 Tagen, und zack! möcht er nicht mehr leben. Also jedenfalls so nicht mehr. Geht spazieren. Am Gleis entlang. Würde gern. Aber weiß genau, dass er dann gehatet wird, von Menschen, die er nicht einmal kennt, Menschen, die zwei Stunden auf einem kalten Bahnhof stehen müssen, und zu spät zu einer wichtigen sozialen Veranstaltung, beispielsweise einem Poetry Slam, kommen. Um eines klarzustellen: Es geht hier nicht darum, kälteempfindliche oder pünktlichkeitsliebende Mitmenschen zu diskreditieren. Sondern um die Menschen, die aus Nächstenliebe weiterdenken, weil sie sich auskennen mit den Traumatisierungen, die so ein Lokführer davonträgt, der ungefragt zum Handlanger eines egoistischen Lebensmüden gemacht wird. Das kann kein suizidaler Mensch wollen, egal wie eingeschränkt sein Denken und Handeln ist! Also: Problem Nummer eins, die Krise, wird erstmal sekundär angesichts der Frage: wie darf sich unser Suizident umbringen? Ein Blick auf Facebook ist wenig hilfreich: Einem Tobias Glufke fallen aus Gründen, die ich nicht wissen will, einige Methoden ein, die aber auffallend unkreativ sind, zum Beispiel Tabletten. Das mit den Tabletten ist ja nun gar nicht so einfach. Da muss man erstmal im Netz recherchieren, wie viel man wovon nehmen muss, auf Körpergewicht umrechnen, und Reihenfolge beachten, damit man den Scheiß nicht gleich wieder erbricht. Und: hübsch sieht das nachher auch nicht aus. Also Erhängen. Ein Seil hat doch jeder. Oder kann sich jeder kaufen, Hartz IV hin oder her, ein Seil kostet nicht die Welt. Und eine Betondecke mit einem Haken dran lässt sich auch finden. Das sollte einem das Seelenheil des Lokführers und die kälteempfindlichen Bahnreisenden schon wert sein!
Was Tobias Glufke und all die anderen aber bei alledem unbeantwortet lassen: Wie kann unser Suizident sicherstellen, dass er nur von Menschen gefunden wird, die durch den Anblick seines schwarzen Kopfes und seiner Stinkeleiche nicht traumatisiert werden? Einen Zettel an der Tür? „Achtung, hier hängt eine Leiche. Treten Sie bitte nur ein, wenn es Ihnen nichts ausmacht, alle anderen bleiben draußen, ich übernehme keine Haftung für Alpträume und Berufsunfähigkeit“. Könnte klappen, sofern man in einem dieser anonymen Wohnblocks lebt und dieser Zettel keine Gutmenschen auf den Plan ruft, die den Suizidenten retten wollen. Nachher heißt das in den Akten „demonstrativer Suizidversuch“. Hmmmm. Außerdem stellt sich ja eh die Grundsatzfrage, wer so eine Leiche sehen will. Der Sanitäter bestimmt nicht. Die Vermieterin freut sich auch nicht, wenn’s da in der Wohnung stinkt, wenn einen niemand vermisst hat, weil man in einem anonymen Wohnblock wohnt oder keine Freunde hat. Also weiter nachgedacht. Ich denk jetzt mal für den Suizidenten, der kann das ja nicht mehr so gut, wenn ihm außer Suizid nix mehr einfällt, aber wir sind ja hilfsbereit, wir soziale Netzwerker. Vielleicht könnte unser Lebensmüder zum Zwecke des Suizids bei einem Bestatter einbrechen und sich über dessen Bürotisch erhängen. Bestatter sind den Anblick Toter ja gewohnt, denen macht das nix. Oder er schaufelt sich ein Grab, organisiert sich eine Handfeuerwaffe, wenn man in den richtigen Kreisen verkehrt, ist das überhaupt kein Problem, und dann erschießt er sich so, dass er fein säuberlich in die Grube fällt und die Angehörigen nur noch die Erde draufschippen müssen. Muss man halt vorher den Winkel berechnen. Ist halt nix für Leute ohne Abi oder mit Dyskalkulie.
Oder er wird Drogenkurier und sorgt dafür, dass was schief läuft. Maria voll der Gnade. Aber was, wenn es gut läuft, und er stattdessen in den Knast muss? Da wird er auf jeden Fall gefunden werden von einem Wärter. Und für die Angehörigen ist das auch eine Schmach, muss man abwägen: die Schande, im Knast zu sitzen, gegen die Schande, sich feige aus dem Leben zu schleichen und auf ganz billige Art noch mal auf sich aufmerksam zu machen. Wer im Leben keine Aufmerksamkeit genoss, jaja…
Oder er schlachtet ein Schwein in einem rumänischen Dorf.
Oder er fährt auf Safari und geht im Krokodilsteich baden. Da können die Angehörigen trauern wegen des tragischen Unfalls, und müssen sich nicht schämen oder so. Und Krokodilen machen zerstückelte Menschen nichts aus, Krokodile sind da tolerant, Krokodile sind die Freunde eines jeden Lebensmüden. Die sagen nicht iih, die schlafen gut mit vollem Bauch, und wenn sie sich an den Suizidenten erinnern, dann nicht als Flashback, sondern voller Freude über ein stattliches Abendessen. Außerdem sind Krokodile nicht auf Facebook. Ja, ich glaube, das könnte gehen.
Spenden für unseren Suizidenten und seinen finalen Safaritrip bitte auf das Konto 0000000 BLZ 666666, Verwendungszweck: „Mitgefühl“.



